Was ist ein guter Mensch?
von Chaim Rittri
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Eine Blogreihe für Einsteiger und Interessierte
Teil 4: Der Benoni – das Menschenbild des Tanja
Vielleicht ist ein guter Mensch jemand, der keine schlechten Gedanken kennt, nie mit sich ringen muss und stets das Richtige empfindet? Ein Mensch, dessen Inneres vollkommen mit seinen Überzeugungen übereinstimmt?
Der Tanja zeichnet ein anderes – und überraschend realistisches – Bild. Sein eigentliches Ideal ist nicht der Mensch ohne innere Konflikte, sondern derjenige, der sich von ihnen nicht beherrschen lässt: der Benoni.
Was ist ein Benoni?
Wörtlich bedeutet Benoni „der Mittlere“. Man könnte deshalb meinen, damit sei ein Mensch gemeint, dessen Leben sich ungefähr zur Hälfte aus guten und zur Hälfte aus schlechten Taten zusammensetzt.
Doch genau dieses Verständnis weist Rabbi Schneor Salman, der Verfasser des Tanja, zurück. Der Benoni ist kein mittelmässiger Mensch und auch keiner, der gelegentlich Gutes und gelegentlich Schlechtes tut. In seinem tatsächlichen Verhalten hat das Schlechte keinen Raum: Er sündigt weder im Handeln noch im Sprechen noch im bewussten Denken.
„Mittel“ ist er aus einem anderen Grund: In ihm wirken weiterhin zwei unterschiedliche Kräfte.
Zwei Seelen, zwei Stimmen
Wie wir im vorherigen Teil dieser Reihe gesehen haben, spricht der Tanja von zwei Seelen im Menschen. Die g"ttliche Seele strebt nach Sinn, Heiligkeit und der Nähe zu G"tt. Die tierähnliche Seele richtet sich zunächst auf das eigene Ich, auf körperliche Bedürfnisse, Anerkennung und Bequemlichkeit.
Beim vollkommen Gerechten, dem Zaddik, ist das Verlangen der tierischen Seele grundlegend verwandelt worden. Es zieht ihn nicht mehr in eine entgegengesetzte Richtung.
Beim Benoni ist das anders. Seine inneren Wünsche und Impulse sind weiterhin vorhanden. Er kann Ärger, Neid, Trägheit oder das Verlangen nach etwas Unrechtem empfinden. Dennoch entscheidet er sich, diesen Regungen nicht zu folgen.
Seine Grösse besteht nicht darin, dass die andere Stimme verstummt ist. Seine Grösse besteht darin, dass sie nicht bestimmt, was er tut.
Nicht der erste Gedanke entscheidet
Diese Sichtweise ist besonders im Umgang mit unerwünschten Gedanken befreiend.
Ein Gedanke kann auftauchen, ohne dass wir ihn bewusst gewählt haben. Der Tanja unterscheidet deshalb zwischen dem ersten Aufkommen eines Gedankens und der Entscheidung, ihm weiter Raum zu geben. Dass Neid, Ärger oder eine unangebrachte Vorstellung in uns aufsteigen, macht uns noch nicht zu schlechten Menschen.
Entscheidend ist, was danach geschieht.
Der Benoni nimmt den Gedanken wahr, verweilt aber nicht bei ihm. Er lenkt seine Aufmerksamkeit bewusst in eine andere Richtung. Ebenso kann er sich gekränkt fühlen, ohne verletzend zu sprechen, oder zornig werden, ohne aus seinem Zorn heraus zu handeln.
Nicht jeder Impuls, den wir verspüren, sagt aus, wer wir sind. Viel mehr zeigt sich unsere Persönlichkeit darin, welchen Impulsen wir folgen.
Ein Kampf, der nicht aufhört
Oft erwarten wir, dass persönliches Wachstum irgendwann dazu führt, dass uns das Richtige leichtfällt. Wenn alte Schwächen wieder auftauchen, glauben wir deshalb, keinen wirklichen Fortschritt gemacht zu haben.
Der Tanja widerspricht dieser Vorstellung. Beim Benoni kann der innere Kampf ein Leben lang bestehen bleiben. Selbst nachdem er hundertmal richtig entschieden hat, muss er sich vielleicht beim hundertundersten Mal erneut entscheiden.
Das bedeutet nicht, dass die früheren Anstrengungen vergeblich waren. Im Gegenteil: Jede einzelne Entscheidung besitzt ihren eigenen Wert.
Der Tanja vergleicht die beiden Kräfte im Menschen mit Kämpfern, die um eine Stadt ringen. Diese „Stadt“ ist der Mensch selbst – sein Denken, Sprechen und Handeln. Der Benoni gewinnt nicht dadurch, dass es keinen Gegner mehr gibt, sondern dadurch, dass er ihm die Herrschaft nicht überlässt.
Ein erreichbares Menschenbild
Rabbi Schneor Salman bezeichnet den Weg des Benoni als einen Weg, der grundsätzlich jedem Menschen offensteht. Nicht jeder kann seine Gefühle vollständig verwandeln. Aber jeder Mensch kann danach streben, verantwortlich mit ihnen umzugehen.
Wir können nicht immer bestimmen, was wir empfinden. Doch wir tragen Verantwortung dafür, was wir aus unseren Empfindungen machen. Wir können wählen, womit wir uns gedanklich beschäftigen, welche Worte wir aussprechen und wie wir handeln.
Damit verlagert der Tanja den Schwerpunkt: weg von der Frage „Bin ich innerlich schon vollkommen?“ und hin zu der Frage „Was entscheide ich jetzt?“
Das gewöhnliche Leben als Schauplatz
Das Menschenbild des Tanja ist anspruchsvoll, aber zugleich von grossem Vertrauen geprägt. Der Mensch ist seinen Trieben, Stimmungen und Gewohnheiten nicht hilflos ausgeliefert. Zwischen einem Impuls und seiner Umsetzung liegt ein Raum der Freiheit.
Gerade dort findet das eigentliche geistige Leben statt: wenn wir trotz Müdigkeit eine Mizwa erfüllen, trotz Ärger freundlich antworten, trotz Ablenkung unsere Gedanken zurückführen oder trotz innerem Widerstand das Richtige tun.
Solche Augenblicke mögen unscheinbar wirken. Im Tanja stehen sie jedoch im Mittelpunkt. Das Buch trägt nicht zufällig den Untertitel „Das Buch der Benonim“. Es wurde nicht in erster Linie für seltene, vollkommen gerechte Menschen geschrieben, sondern für Menschen, die ringen, sich entscheiden und immer wieder neu beginnen.
Der Benoni lehrt uns: Ein innerer Kampf ist kein Beweis dafür, dass mit uns etwas nicht stimmt. Er kann gerade der Ort sein, an dem wir unsere tiefste Freiheit verwirklichen.
Vollkommenheit zeigt sich nicht darin, niemals eine falsche Regung zu verspüren. Sie beginnt damit, ihr nicht das letzte Wort zu überlassen.
Wer den Tanja selbst kennenlernen möchte, findet bei Books’n Bagels eine zweisprachige hebräisch-deutsche Ausgabe des Buches Tanja.
Tanja entdecken – die Reihe
← Teil 1: Was ist das Buch Tanja?
← Teil 2: Warum der Tanja heute aktueller ist denn je
← Teil 3: Fünf häufige Missverständnisse über das Buch Tanja
→ Teil 5: Warum ein Tanja im Bücherregal etwas verändern kann (erscheint demnächst)