Rosch Haschana beginnt in 30 Tagen: Warum der Monat Elul so wichtig ist
von Chaim Rittri
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Diese Woche beginnt Elul, der letzte Monat des jüdischen Jahres. Mit Rosch Chodesch Elul sind es nur noch 30 Tage bis Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahr. Und diese 30 Tage haben eine besondere Bedeutung: Im jüdischen Kalender beginnt die Vorbereitung auf Rosch Haschana nicht erst kurz vor dem Feiertag, sondern einen ganzen Monat vorher.
Warum eigentlich?
Stell dir vor, der König würde seinen Palast verlassen und zu den Menschen aufs Feld kommen. Jeder dürfte sich ihm nähern. Keine Vorzimmer. Keine Schranken. Kein Termin. Der König lächelt jedem entgegen.
Genau so beschreibt der Alter Rebbe, Rabbi Schneor Salman von Ljady, den Monat Elul.
Das Gleichnis stammt aus seinem Buch Likutej Tora. Ein König, erklärt er, ist normalerweise nicht ohne Weiteres erreichbar. Wer ihn in seinem Palast sprechen möchte, braucht eine besondere Erlaubnis, und selbst dann gelangen nur wenige bis zu ihm. Anders ist es, wenn der König auf dem Weg zurück in die Stadt durch die Felder zieht. Dort darf jeder zu ihm kommen. Er empfängt alle freundlich und zeigt jedem ein lächelndes Gesicht. Erst danach zieht er in die Stadt ein, und die Menschen folgen ihm.
Für den Alter Rebbe beschreibt dieses Bild die Wochen vor Rosch Haschana. An Rosch Haschana krönen wir Haschem als König. Doch die Vorbereitung darauf beginnt bereits einen Monat vorher – im Elul. Und dieser Monat ist nicht einfach eine vierwöchige Vorwarnung vor dem Tag des Gerichts. Er ist eine besondere Gelegenheit zur Begegnung.
Elul – 30 Tage, um innezuhalten
Echte Veränderung geschieht selten auf Knopfdruck. Wer versucht hat, eine schlechte Gewohnheit abzulegen oder eine gute neu einzuüben, weiß das. Veränderung beginnt oft mit einem Gedanken, wächst zu einem Entschluss und findet schließlich ihren Weg in unser Handeln.
Der Monat Elul gibt uns Zeit für genau diesen Prozess.
Nicht, um einen Monat lang in Angst vor dem bevorstehenden Gericht zu leben. Sondern um innezuhalten und unser Leben aus einer größeren Perspektive zu betrachten:
Wo stehe ich? Wofür bin ich dankbar? Wo möchte ich wachsen? Welche Beziehung möchte ich zu Haschem und zu meinen Mitmenschen vertiefen?
„Ani leDodi veDodi li“ – ich bin meines Geliebten
Eine der schönsten Beschreibungen des Monats Elul findet sich im Hohelied:
אֲנִי לְדוֹדִי וְדוֹדִי לִי – Ani leDodi veDodi li
„Ich bin meines Geliebten, und mein Geliebter ist mein.“
(Schir Haschirim 6,3)
Eine traditionelle Deutung verbindet die vier Buchstaben des Monats Elul – אלול – mit den Anfangsbuchstaben dieses Verses.
Die Reihenfolge ist wichtig. Zuerst heißt es „Ich bin meines Geliebten“ und erst danach „mein Geliebter ist mein“. Elul verlangt also etwas von uns. Wir sollen nicht darauf warten, dass Rosch Haschana uns plötzlich in eine andere Stimmung versetzt. Wir haben einen Monat Zeit, selbst auf Haschem zuzugehen.
Wie das aussieht, muss für jeden anders sein. Vielleicht nimmst du dir wieder mehr Zeit für das Gebet. Vielleicht gibt es eine Mizwa, die im vergangenen Jahr etwas mechanisch geworden ist. Vielleicht ist eine Entschuldigung längst überfällig. Vielleicht genügt zunächst die ehrliche Frage, die im Alltag so leicht untergeht: Wo stehe ich eigentlich – und wo möchte ich im kommenden Jahr stehen?
Aber wer macht eigentlich den ersten Schritt?
Gerade hier wird das Gleichnis vom König auf dem Feld interessant.
Der Vers scheint zunächst zu sagen, dass der erste Schritt von uns ausgeht: „Ich bin meines Geliebten.“ Aber im Gleichnis ist Haschem bereits aus seinem Palast gekommen. Der König wartet nicht hinter verschlossenen Türen darauf, dass wir irgendwie zu ihm gelangen. Er ist uns entgegengekommen und macht die Begegnung möglich.
Darin liegt etwas Wesentliches an Elul. Unsere eigene Anstrengung bleibt notwendig, aber sie geschieht in einer Zeit besonderer g-ttlicher Nähe.
Vielleicht lässt sich deshalb auch verstehen, warum uns für die Vorbereitung auf Rosch Haschana ein ganzer Monat gegeben wird. Es geht nicht darum, am letzten Abend eine Liste guter Vorsätze zusammenzustellen. Eine Beziehung erneuert man nicht an einem Abend.
Elul gibt uns Zeit, genauer hinzusehen, Gewohnheiten zu überprüfen und dort etwas zu verändern, wo Veränderung nötig ist. Nicht alles auf einmal und nicht mit dem Anspruch, am Ende des Monats ein anderer Mensch zu sein. Aber vielleicht mit einem klareren Bewusstsein dafür, was im eigenen Leben wichtig ist.
Auch Teschuwa bekommt aus dieser Perspektive einen anderen Klang. Sie ist nicht nur Reue über das, was falsch gelaufen ist. Teschuwa bedeutet Rückkehr. Und zurückkehren kann man nur dorthin, wo man eigentlich hingehört.
Der Ma'amar „Ani leDodi veDodi li“
Der Lubawitscher Rebbe greift diese Gedanken in einem Ma'amar „Ani leDodi veDodi li“ auf und geht der besonderen Dynamik des Elul nach: Was bedeutet es, dass der erste Schritt von uns ausgehen soll, wenn Haschem uns gleichzeitig bereits entgegenkommt? Und was unterscheidet die Nähe des Elul von der Offenbarung der Hohen Feiertage?
Das sind keine rein theoretischen Fragen. Sie berühren unmittelbar, wie wir die kommenden Wochen bis Rosch Haschana erleben können.
Noch sind es 30 Tage.
Das ist keine Wartezeit. Es ist die Zeit, die uns gegeben wurde, um uns auf den Weg zu machen.
Und der König ist bereits auf dem Feld.
Den Ma'amar entdecken
Wenn du Elul in diesem Jahr etwas bewusster erleben und den Gedanken hinter „Ani leDodi veDodi li“ genauer kennenlernen möchtest, findest du den Ma'amar des Lubawitscher Rebben bei Books'n Bagels auf Deutsch mit Erklärungen.
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