Dem Leben mehr Leben geben

Dem Leben mehr Leben geben

von Chaim Rittri

Was wir vom Baal Schem Tow über Freude lernen können

Kann man sich für Freude entscheiden?

Normalerweise würden wir wohl sagen: Freude stellt sich ein, wenn etwas Erfreuliches geschieht. Wir bekommen eine gute Nachricht, sehen einen Menschen wieder, den wir vermisst haben, etwas gelingt oder eine Sorge wird uns genommen.

Der Baal Schem Tow, der Begründer des Chassidismus, sah Freude noch aus einer anderen Perspektive. Für ihn war sie nicht nur eine Reaktion auf ein äußeres Ereignis. Freude kann auch eine Haltung sein, mit der wir unserem Leben begegnen – gerade dann, wenn nicht alles gut ist.

Ein besonderer Tag im jüdischen Kalender lädt dazu ein, diesen Gedanken näher kennenzulernen: Chai Elul, der 18. Tag des jüdischen Monats Elul und der Geburtstag des Baal Schem Tow, dieses Jahr am Montag, dem 31. August.

Ein Tag, der Lebendigkeit in den Elul bringt

Elul ist der letzte Monat des jüdischen Jahres. Er führt auf Rosch Haschana, das jüdische Neujahr, und Jom Kippur zu und ist traditionell eine Zeit der Besinnung. Man blickt auf das vergangene Jahr zurück und bereitet sich auf das kommende vor.

Mitten in diese nachdenkliche Zeit fällt Chai Elul.

Chai bedeutet auf Hebräisch „lebendig“ oder „Leben“. Die beiden hebräischen Buchstaben des Wortes haben zugleich den Zahlenwert 18 – daher die Bezeichnung Chai Elul für den 18. Elul. Im Chassidismus heißt es, dass dieser Tag Lebendigkeit in den Monat Elul bringt.

Der Tag ist mit zwei Persönlichkeiten verbunden, die das jüdische Denken nachhaltig geprägt haben. Am 18. Elul 1698 wurde Rabbi Israel ben Elieser, der Baal Schem Tow und Begründer des Chassidismus, geboren. Am selben jüdischen Datum des Jahres 1745 kam Rabbi Schneor Salman von Ljady, der Begründer des Chabad-Chassidismus und Verfasser unter anderem des Buches Tanja, zur Welt.

Auch ein weiterer wichtiger Schritt im Leben des Baal Schem Tow ist mit diesem Datum verbunden: An seinem 36. Geburtstag, dem 18. Elul 1734, begann er, seine Lehren öffentlich zu verbreiten.

So wurde Chai Elul zu einem Tag, der in besonderer Weise für Leben und geistige Lebendigkeit steht.

Eine Welt, der die Freude abhandengekommen war

Der Baal Schem Tow trat in einer Zeit auf, in der viele Juden wenig Grund zur Freude hatten.

Die jüdische Bevölkerung Osteuropas hatte schwere Jahrzehnte hinter sich. Die Pogromen von 1648/49 hatten ganze Gemeinden vernichtet. Die Enttäuschung über den falschen Messias Schabbtai Zwi hatte zusätzliche Hoffnungslosigkeit hinterlassen. Gleichzeitig hatte sich innerhalb der jüdischen Gemeinschaft eine Kluft gebildet zwischen einer gebildeten Elite von Talmudgelehrten und jenen Menschen, denen Bildung und Zeit zum intensiven Studium fehlten.

Hinzu kam eine religiöse Kultur, in der Schuld und Strafe einen breiten Raum einnahmen. Manche Prediger versuchten, ihre Zuhörer durch Angst, Tränen und Schuldgefühle zur Umkehr zu bewegen. Im Vorwort zum Buch Baal Schem Tows Achtzehn Wege zur Freude beschreibt Rabbi Tzvi Freeman, wie Betrübtheit allmählich sogar als Zeichen von Frömmigkeit verstanden werden konnte und Frohsinn unter Verdacht geriet.

Der Baal Schem Tow setzte andere Akzente. Er sprach vom Wert des einfachen Juden und von G”ttes Liebe zu jedem Einzelnen. Er erzählte Geschichten über gewöhnliche Menschen, in denen seine Zuhörer sich selbst wiederfinden konnten, und lehrte Tora auf eine Weise, die ihnen Freude und Zuversicht gab.

Dahinter stand eine andere Sicht auf den Menschen und auf seine Möglichkeit, G”tt auch mitten im gewöhnlichen Leben zu begegnen. Man musste kein Gelehrter sein und nicht einmal Hebräisch lesen können, um eine Beziehung zu G”tt zu haben.

Eine Begegnung, die seinen Weg veränderte

Eine Geschichte aus dem Leben des Baal Schem Tow zeigt besonders schön, was damit gemeint ist. Sie ereignete sich an seinem 16. Geburtstag, einem 18. Elul.

Der junge Baal Schem Tow hielt sich damals in einem kleinen Dorf auf. Dort lebten ein einfacher jüdischer Gastwirt und seine Frau. Der Mann konnte seine Gebete nur mit Mühe sprechen und verstand ihre Bedeutung kaum. Zugleich war er aber von tiefer G”ttesfurcht erfüllt und pflegte das, was ihm begegnete, mit einfachen Worten des Lobes für G”tt zu kommentieren. Auch seine Frau hatte ihre eigenen Worte, mit denen sie G”tt immer wieder pries.

Der Baal Schem Tow verbrachte seinen Geburtstag mit Tehillim – Psalmen – und mystischer Meditation, die er im Kreis der verborgenen Kabbalisten gelernt hatte. Nach seiner späteren Schilderung erschien ihm dabei der Prophet Elijahu. Dieser erklärte ihm, welch große Wirkung die schlichten Worte des Gastwirts und seiner Frau hätten. G”tt habe besondere Freude daran, wenn Männer, Frauen und Kinder Ihn bei ihren Alltagstätigkeiten loben und Ihm danken, besonders wenn dies von einfachen Menschen mit aufrichtigem Herzen komme.

Diese Erfahrung prägte den weiteren Weg des Baal Schem Tow. Er begann, Menschen nach ihrer Gesundheit, ihren Kindern und ihrer wirtschaftlichen Lage zu fragen. Ihre Antworten enthielten auf ganz unterschiedliche Weise Worte des Dankes an G”tt. Was zunächst wie ein gewöhnliches Gespräch aussah, bekam damit eine tiefere Bedeutung.

Der Baal Schem Tow zeigte den Menschen damit auch den Wert ihrer eigenen, einfachen Worte. Man musste kein großer Gelehrter sein, um eine Beziehung zu G”tt zu haben.

Freude ist mehr als gute Laune

Freude gehörte selbstverständlich schon lange vor dem Baal Schem Tow zum Judentum. Tora, Psalmen und Talmud sprechen immer wieder davon. Seine Neuerung bestand nicht darin, die Freude ins Judentum einzuführen.

Für ihn erhielt sie jedoch eine besondere Bedeutung. Freude war nicht lediglich ein schöner Bestandteil des religiösen Lebens, sondern ein Schlüssel zum Dienst an G”tt. Und weil nach seiner Lehre G”tt überall und in allen Dingen zu finden ist, kann jedes Ereignis und selbst das, was ein Mensch sieht oder hört, zu einer Gelegenheit werden, G”tt zu erkennen und Ihm mit Freude zu dienen.

Wir müssen also nicht warten, bis alle Schwierigkeiten beseitigt sind, bevor Freude wieder einen Platz in unserem Leben haben darf.

Kann das heute, fast 300 Jahre später, noch funktionieren? Unsere Lebensbedingungen unterscheiden sich grundlegend von denen des Baal Schem Tow und seiner Zeit. Aber Sorgen, Selbstzweifel und die Neigung, an eigenen Fehlern hängen zu bleiben, kennen wir noch immer.

Eine der achtzehn Lehren des Buches trägt den Titel „Kehre um zur Freude“. Der Baal Schem Tow fordert darin keineswegs dazu auf, eigene Fehler zu verharmlosen. Wer etwas falsch gemacht hat, soll es erkennen, bereuen, um Vergebung bitten und den festen Entschluss fassen, es nicht wieder zu tun. Danach aber soll man nicht in Niedergeschlagenheit verharren, sondern zur Freude zurückkehren.

Gerade im Monat Elul ist das ein wichtiger Gedanke. Die Selbstprüfung dieser Wochen vor Rosch Haschana hat ihren Sinn darin, dass sie zu Veränderung führt und uns auf das neue Jahr vorbereitet – nicht darin, dass wir bei dem stehen bleiben, was uns misslungen ist.

Zwölf Tage, um auf ein Jahr zurückzuschauen

Mit Chai Elul beginnen die letzten zwölf Tage vor Rosch Haschana. In der chassidischen Tradition wird jeder dieser Tage einem Monat des zu Ende gehenden Jahres zugeordnet: Der 18. Elul steht für den vergangenen Tischri, der 19. Elul für Cheschwan und so weiter bis zum Tag vor Rosch Haschana. Diese Tage bieten damit eine besondere Gelegenheit, noch einmal auf das zurückliegende Jahr zu schauen.

Bei dieser Rückschau muss es aber nicht nur darum gehen, was nicht gut war und was wir im neuen Jahr anders machen möchten. Wir können uns auch fragen, was wir wieder mit mehr Leben füllen wollen: eine Beziehung, die zu kurz gekommen ist, etwas, das uns einmal wichtig war und zur bloßen Gewohnheit geworden ist, oder die Dankbarkeit für Dinge, die wir inzwischen für selbstverständlich halten.

So bekommt die Vorbereitung auf das neue Jahr noch eine andere Seite. Wir schauen nicht nur auf das, was wir korrigieren möchten, sondern auch auf das, was bereits gut ist und wieder mehr Raum bekommen sollte.

Achtzehn Wege zur Freude

Wer die Gedanken des Baal Schem Tow über Freude näher kennenlernen möchte, findet in unserem Buch Rabbi Baal Schem Tows Achtzehn Wege zur Freude, ausgewählt von Rabbi Tzvi Freeman, achtzehn kurze und erstaunlich lebensnahe Lehren.

Sie handeln von Vertrauen und Dankbarkeit, vom Umgang mit Niedergeschlagenheit und Rückschlägen und davon, welche Rolle Freude in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen spielen kann. Schon die Überschriften geben einen Eindruck davon: „Vertraue“, „Unsere Freude bringt die Hilfe“, „Erhebe dich darüber!“, „Kehre um zur Freude“, „Die Täuschung“, „Mit Freude annehmen“ und „Medizin so süß wie Honig“.

Tzvi Freeman beschreibt die Freude des Baal Schem Tow nicht als naiven Frohsinn. Der Mensch sieht durchaus, was zerbrochen ist, und sucht nach einem Weg, es zu heilen. Gerade eine Freude, die nicht davon abhängt, dass alles gut läuft, hat für ihn eine besondere Kraft.

Das Buch ist deshalb auch nicht einfach eine Sammlung guter Ratschläge für ein glücklicheres Leben. Freeman möchte die Leser mit der Lehre des Baal Schem Tow selbst in Berührung bringen. Die achtzehn Texte stammen überwiegend aus Zawa’at haRiwasch und Keter Schem Tow und werden jeweils durch eine kurze Einführung erschlossen.

„Rabbi Baal Schem Tows Achtzehn Wege zur Freude“ bei Books’n Bagels entdecken: 

booksnbagels.com/products/baal-schem-tow

Dem Leben mehr Leben geben

Die Freude, von der der Baal Schem Tow spricht, bedeutet nicht, sich einzureden, alles sei gut. Seine eigene Zeit mit all ihren Nöten hätte dafür auch wenig Anlass gegeben. Es geht vielmehr darum, dem Schwierigen nicht die ganze Macht über das eigene Leben zu geben.

Das kann sich in sehr einfachen Dingen zeigen: einem Menschen Zeit zu schenken, jemandem zu helfen, eine belastete Beziehung wieder aufzunehmen oder bewusster wahrzunehmen, wofür wir dankbar sein können. Auch die Bereitschaft, einen Fehler zu korrigieren und anschließend wieder nach vorne zu schauen, gehört dazu.

Darin liegt für mich eine schöne Botschaft von Chai Elul. Chai bedeutet Leben. Und vielleicht ist das eine gute Frage für diese letzten Tage des Jahres: Was möchte ich in meinem Leben wieder mit mehr Freude und Lebendigkeit füllen – und was davon kann ich an andere weitergeben?